Digitales Nomadentum – wer träumt nicht davon? Arbeiten in Coworking Spaces auf der ganzen Welt, oder am Strand mit dem Laptop. Die Systeme sind digitalisiert und automatisiert, das Geld klimpert von selbst auf das Konto. Alles was man braucht ist Internet, ein Bankkonto, und stilecht, ein Selfie mit Kokosnuss auf Instagram, damit die Bürohengste Zuhause auch wissen wie der Hase läuft.
So oder so ähnlich stellen sich die meisten das Leben als Digitaler Nomade vor. Schlimmer, genauso verkaufen zahlreiche Digitale Nomaden ihren Lebensstil.

Der Traum vom ortsunabhängigen arbeiten

Die Wahl des Jobs und des Arbeits – und damit meist auch Lebensorts ist eine wichtige Entscheidung, die wohl bedacht sein sollte.
Leider trifft man hier oft auf einen gravierenden Irrtum: Denn zum arbeiten eignet sich der Strand nur bedingt, es sei denn man ist Obsthändler oder Surflehrer.
Mit dem Laptop am Strand sitzen scheitert meistens schon aufgrund der Internetverbindung, am Diebstahlrisiko, an Sonnenlicht und Sand – neben dem dass es dort bessere Dinge zu tun gibt als E-Mails zu schreiben.

Spricht man mit vielen Digitalen Nomaden, so steht primär aber nicht der Wunsch nach arbeiten in Bali, San Diego, Tariffa oder Marokko sondern vor allem der Wunsch weniger zu arbeiten. Die Büros dieser Welt unterscheiden sich tatsächlich erstaunlich wenig, man muss nur ein paar vielreisende Geschäftsleute fragen. Der Strand in Thailand lohnt sich nur, wenn man auch Zeit findet sich diesem zu widmen.
Unzweifelhaft spielt hier Tim Ferris Buch 4-Hour Work Week eine Rolle – dieser hat wohl in seinem Leben noch nie eine Arbeitswoche von 4 Stunden gehabt, und nennt heute gefragt nach dem größten Fehler an dem Buch den Titel.
Man kann in der heutigen Zeit durch das clevere nutzen von Systemen und skalierbaren, automatisierten Prozessen tatsächlich enormen Output erreichen ohne immer mehr Arbeitszeit investieren zu müssen. Doch es sollte klar sein, das die Arbeitszeit nicht beliebig verringert werden kann und das eine 4 Hour Work Week die absolute Seltenheit ist.
Dieser Wunsch nach weniger arbeit ist berechtigt und am Ende ist die Arbeitszeit eine persönliche Entscheidung. Nur führt weniger Arbeitszeit zu einer geringeren Produktivität, und zu weniger Ergebnissen. Oft trägt auch das eher gemütliche Leben an den Traum Destinationen und die einhergehenden Herausforderungen wie Arbeitsplatzsuche, stabiles schnelles Internet, etc. zu einem geringeren Output bei.

 

Online arbeiten

Tatsächlich erfordern viele Jobs eine Präsenz- an einem Arbeitsplatz oder an einem Gut, eine Abstimmung im Team. Sicher können mit cleveren Lösungen und digitaler Kommunikation viel Dinger ortsunabhängig erledigt werden. Doch ein Großteil der Jobs erfordert eine Anwesenheit an einem bestimmten Ort.
Wenn der eigene Job nicht ortsunabhängig gestaltet werden kann, wird oft versucht in einen nomaden- fähigen Job zu wechseln.

Nachhaltigkeit des digitalen Nomaden Lebensstils

Und so versuchen viele den Einstieg in das Nomadentum als Virtuelle Assistenz, Social Media Influencer, Coach oder (Reise)Blogger. Am Ende ist man damit aber nicht unabhängiger, im Gegenteil. An die Aufträge und Arbeitszeiten des Vertragspartners gebunden muten viele Digitale Nomaden oft eher als Scheinselbstständige an – zum Mindestlohn, versteht sich.
Von 1000€ im Monat durch Auftragsarbeit oder Affiliate Einnahmen mag sich in Bali oder Thailand durchaus ein angenehmes Leben finanzieren lassen. Nachhaltig ist es nicht. Nach meiner Beobachtung verpassen viele Nomaden den Vermögensaufbau für das Alter, vergessen dass sie als Angestellter in Deutschland für ihre Steuern und Abgaben auch eine sehr hohe Versicherungsleistung erhalten und leben von der Hand in den Mund.
Natürlich sind in einem Preisumfeld wie in Indonesien 1000€ eine hohe Summe. Es ist jedoch nicht ohne Grund so, das die meisten Menschen aufgrund der Rechtssicherheit und der besseren Versorgung in Hochlohnländern wohnen wollen. Ist man in einem solchen aufgewachsen, sollte man die Möglichkeit haben, dies auch wieder zu tun. Dafür braucht es finanzielle Rücklagen. Wenn man also 1000€ verdient, sollten es besser 3000€ in Wahrheit aber 5000€ sein, den am Ende ist man nur einen schwereren Verkehrsunfall von einem Ticket ins Heimatland entfernt.

Der Trick den Digital Nomade Lifestyle zu verkaufen

Gefühlt hat ein Großteil der Digitalen Nomaden den eigenen Lifestyle zum Business gemacht – mit fragwürdigen Versprechen und Methoden wird der eigene Lifestyle als erstrebenswert verkauft. In Wahrheit finanziert aber der Verkauf des Lifestyles den Lifestyle selbst. Oft werden Coachings, Videoprogramme, Kurse oder andere Virtuelle Produkte verkauft, deren Ziel es ist von einem erstrebenswerten Lifestyle zu schwärmen und den Weg dahin aufzuzeigen. Zahlreiche Produkte sind um Digitale Nomaden entstanden, es gibt sogar eigene Konferenzen.
Das Problem ist die fehlende Aufrichtigkeit – es ist weder leicht noch einfach ein Business aufzubauen, und von unterwegs ist es gleich doppelt schwer. Die meisten dieser Lifestyle Produkte enthalten einen Haufen Informationen, sind positiv gestaltet doch es fehlt ein wirklicher Nutzen. In Wahrheit sind diese Infoprodukte der Grund, das die vertreibende Person den Lifestyle leben kann.
Diese Masche gab es schon immer, vermutlich wird es sie auch immer geben. Nur macht es Sinn und ist es legitim in dem eigenen Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit die andere zu finanzieren? Zuminderstens moralisch finden sich einige Positionen dagegen.

Der Weg zum Ausbruch

Ortsunabhängig arbeiten zu können ist durchaus erstrebenswert, keine Frage – leider nur nicht für jeden. Vielmehr sollte man sich damit befassen, einen für sich passenden Lifestyle zu finden. Ein fester Job und 3 Monate unbezahlen Urlaub während den Wintermonaten erlauben einem ziemlich viel von der Welt zu sehen und auch länger an einem Ort zu wohnen. Wenn man ein eigenes Geschäft aufgebaut hat und dieses solide läuft, kann man sich anschauen wie es zu automatisieren und zu digitalisieren ist.
Sollte man garkeine Idee und keine Rücklagen haben, finde ich es sinnvoll erst einmal die Rücklagen aufzubauen und sich währenddessen zu überlegen wie man sich selbst ortsunabhängig finanzieren kann.
Viele Jobs lassen sich z.b. als Freelancer ausüben. Gute Developer können in 3-6 Monaten in einem Hochlohnland genug verdienen, um mit genügend Puffer in Thailand oder Indonesien wie Könige leben zu können. Das selbe bietet sich mit Projektarbeit oder Interimsmanagement an.
Viele Jobs in der Digitalbranche eignen sich für die Arbeit von Unterwegs.
Vorher sollte man sich jedoch gründlich überlegen, ob man überhaupt an Orten arbeiten kann, an denen andere Urlaub machen und ob man die nötige Disziplin hat dort auch produktiv zu sein.

Mein persönliches Gefühl ist, das auch im Digitalen Nomadentum nicht alles Gold ist was glänzt. Viele Digitale Nomaden sind von ihrem Finanzbedarf getrieben, nicht aufgrund der eigenen Überzeugung, auch wenn anderes propagiert wird. Denn braucht es denn 983. Reiseblog wirklich? Oder sind sie als Virtueller Assistent wirklich freier und unabhängiger?
Viele Projektarbeiter und Freelancer können sich Auszeiten nehmen. Doch wirklich frei Leben diejenigen, die den Digitalen Nomaden Lifestyle als erstrebenswert für andere verkaufen. Dabei ist der Digitale Nomaden Lifestyle nicht für so viele Leute geeignet oder erstrebenswert. Was ist eure Meinung dazu?
Wenn euch der Artikel gefallen hat, lasst mir doch einen Kommentar da. Und wenn nicht, lasst mich wissen was ich besser machen kann. Danke für das lesen!



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