Deutschlands liebster und wohl einzig nationale identität stiftender Sport hat eine Revolution begangen. Als erste der großen Fußballligen Europas wurde der Videobeweis eingeführt.
Seither ist die Diskussion groß, besonders der FC Köln beschwerte sich lautstark über die Art wie der Videobeweis umgesetzt ist.
Dabei ist der Videobeweis im deutschen Fußball ein wunderschönes Sinnbild für den Umgang mit der Digitalisierung allgemein, in Konzernen, im Management und vor allem in Deutschland. Zu zögerlich, zu gefangen in alten Denkmustern, zu zurückhaltend in der Umsetzung und weit weg von der Radikalität mit der die Digitale Revolution die Welt überrollt.

Der Videobeweis

Eigentlich ist der Videobeweis nichts neues – die großen US Ligen nutzen ihn bereits seit Jahren, auch aus dem Tennis, der Formel 1 oder dem Eishockey ist der Videobeweis nicht mehr wegzudenken.
Im Fussball dagegen hat es erstaunlich lange gedauert, bis das Thema wirklich auf den Tisch kam. Zuvor hatte man mit einer ständigen Erhöhung der Schiedsrichteranzahl zuerst versucht, die Beschwerden der Trainer zu Regulieren (4. Offizieller) und später mit den Torlinienrichtern versucht, die Fehlentscheidungen zu minimieren. Mit der Torlinientechnik führte man zum ersten Mal eine Technik als System ein. Schlussendlich verstand man doch die unbestechlichkeit der Videobilder und die technischen Möglichkeiten der Live Übertragung und Wiedergabe.
Spät, aber lieber spät als nie. Der Vergleich mit der Deutschen (europäischen) Wirtschaft drängt sich auf: Bei der Digitalisierung sind wir hinter Nordamerika (und auch Asien) zurück.
Kaum eines der großen Internetunternehmen ist aus Europa, und im Grunde dominiert neben Google, Amazon, Uber, Apple, Alibaba, Facebook, Microsoft und Airbnb kein einziges europäisches Tech-Unternehmen derselben Kragenweite sein Geschäftsfeld.

Die halbe Lösung

Der Videobeweis darf nun nur in vier Situationen (Tor, Elfmeter, Platzverweis, Verwechselung eines Spielers) eingesetzt werden, und erfolgt über einen Kontakt mit einem in der Zentral stationierten Video- Assistenten. Dabei gibt es eine gravierende Einschränkung: Voraussetzung für ein Eingreifen des Video-Assistenten ist jeweils, dass nach seiner Einschätzung ein offensichtlicher Fehler des Schiedsrichters auf dem Platz vorliegt.
Das heisst, der Videobeweis darf nur genutzt werden, wenn eine klare Fehlentscheidung vorliegt.
Mit der Intention die Autorität des Schiedsrichters auf dem Platz nicht zu untergraben und der Idee den Status quo irgendwie zu erhalten, hat man sich also zu einer Lösung hinreissen lassen, die extremes Auslegungspotenzial hat.
Denn wann ist etwas eine klare Fehlentscheidung? Besonders im Sport, in dem es v.a. auf die engen Situationen, die Grauzonen ankommt.
In der Angst vor gravierenden Veränderungen, hat man sich auf eine halbherzige Lösung festgelegt, weil man sich nicht komplett auf die gar nicht mal mehr so neue Technik einlassen wollte oder konnte.
Die Folgen sind gravierend: Aufgrund der unklaren Regelung wird ernsthaft darüber diskutiert den Videobeweis wieder abzuschaffen. Da er nicht in allen Wettbewerben genutzt wird, stürmte der Leipziger Sportdirektor Ralf Rangnick in der Halbzeitpause eines Pokalspiels  mit dem Smartphone auf den Schiedsrichter zu,  um ihn ein Video einer strittigen Elfmeter Szene (Foul innerhalb oder außerhalb) vorzuspielen. Eine Szene die nach der aktuellen Regelung nicht einmal vom Videobeweis, so er denn verwendet worden wäre, abgedeckt gewesen wäre, handelt es sich doch nicht um eine klare Fehlentscheidung.

Der Kardinalfehler – nicht digital gedacht


Mit dem Versuch die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters zu erhalten, und dem fadenscheinigen Argument von dem Autoritätsverlust des Schiedsrichters durch den Videobeweis hat man eine bestenfalls halbgare Lösung geschaffen, obwohl ein deutlich bessere Lösung so naheliegen ist.
Aber alte Wertvorstellungen und Denkmuster hielten die radikale, innovative Lösung auf.
Ein etwaiger Autoritätsverlust des Schiedsrichters lässt sich relativ einfach widerlegen. Denn wer hat wohl mehr Glaubwürdigkeit: Ein Schiedsrichter, der sich im Zweifel lieber die Szene noch einmal anschaut (und damit zugibt dass er innerhalb von Sekundenbruchteilen aus nur einer Perspektive nicht alles exakt sehen kann) und dann ein vermutlich in 99% der Fällen eine richtige Entscheidung trifft, oder derjenige, der bei einer Fehlentscheidung bleibt, auch wenn jeder im Stadion minuten später weiss das es ein Fehler war?
Für den Fußball bedeutet dies, dass ein Schiedsrichter bei jeder spielentscheidenden Situation bei der er sich nicht ganz sicher ist, aus eigenem Antrieb den Videoassistenten kontaktieren und die Bilder nutzen sollte. Darüber hinaus sollten die Trainer die Möglichkeit haben, die Entscheidung des Schiedsrichters zu challengen.
Außerdem sollte das gewonnene Videomaterial zur Sanktionierung genutzt werden. Schwalben oder Schauspielerei – immerhin ein klarer Betrugsversuch – wären sofort aus dem Sport verschwunden, gäbe es Konsequenzen durch die Videoaufnahmen.
So nutzt der Fussball die Chancen der Digitalisierung nicht in letzter Konsequenz. Aktuell ist er in Deutschland unangefochten der Sport Nummer 1 und weiterhin auf Wachstumskurs, aber die demographische Entwicklung und der Boom der US Sportarten Basketball und American Football und ihrer digitalisierten Ligen (NBA, NFL) bei Deutschlands Jugend verleiten mich zu dem Schluss, dass die Fußball Bundesliga aufpassen muss.

Keine Angst DFB, ihr seid nicht alleine

Leider finden sich dieselben Fehler auch bei vielen Unternehmen, vor allem in Europa. Halbe Lösungen durch den Versuch die radikalen Möglichkeiten der digitalen Technik mit bestehenden Denkweisen und Geschäften zu verbinden, mit der Folge früher oder später wie Kodak trotz bester Voraussetzungen auf der Verliererseite der Digitalisierung zu stehen.
Ein wunderbares Beispiel ist der stationäre Handel. Er hat zahlreiche Trümpfe gegenüber dem E-Commerce. Der Kunde kann seine Ware sofort mitnehmen, hat gleich das Erlebnis und die Befriedigung des Einkaufs.
Aber welcher stationäre Händler nutzt die Möglichkeiten des Internets? Inzwischen haben auf den Druck durch Amazon die großen Elektronikhändler das Click & Collect etabliert, aber ein online tracking des Warenbestands in den Filialen? Oder ein Preisvergleich im Ladengeschäft? Die meisten Kunden wären ja schon froh wenn der Preis Online und Offline der selbe wäre. Eine Kundenbindung via App, digitales Marketing, Gewinnung von Newsletter, Abonnenten oder sonstiger Interaktion? Kundenbewertung, Feedback zu Produkten?
Der Handel nutzt die Möglichkeiten bisher nur rudimentär, wirklich Innovative Lösungen sind mangelware und so wird die Digitalisierung weiter den Handel umkrempeln.

Der Staat – digital abgemeldet

Erschreckend ist auch der Umgang unserer öffentlichen Institutionen und der Politik mit der Digitalisierung. Sicherlich ist die Forderung nach einem Flächendeckenden Breitbandausbau sinnvoll, aber ist sie effizient? Sollte in Zeiten des demographischen Wandels nicht eher versucht werden möglichst viel gut ausgebildete Arbeitskräfte dem Markt zu Verfügung zu stellen? Der Staat beschäftigt Heerscharen an Beamten, die von der Arbeitsweise nicht einmal im Ansatz als digitalisiert gelten können. Warum fordert die Politik dann eine Infrastrukturmaßnahme von privaten Netzbetreibern, hat dagegen aber die in der eigenen Hand liegende und definitiv digitalisierbare Verwaltung nicht digitalisiert?
Zahlreiche weitere Branchen wie z.B. Grundbücher und Notariate warten auf die Digitalisierung. Man muss sich das Mal genüsslich auf der Zunge zergehen lassen: Im Jahr 2017 zahlt man als Käufer einer Immobilie eine horrende Summe an einen Notar, der am Ende nichts weiter macht als einen Datenbankeintrag prüfen und ändern.
Die Blockchaintechnologie verspricht hier hoffentlich zeitnah Abhilfe, unter dem Stichwort Smart Contracts.

Es gibt weitere Branchen, die bisher nur halbgar digitalisiert sind. Man denke an die Banken, und z.b. das Thema Auslandsüberweisung. Es gibt tatsächlich keinen Standard dafür, obwohl die meisten Gelder heutzutage GIralgeld sind, es also nicht mehr um einen physikalischen Austausch geht.
Auch in der Reisebranche meint man weit digitalisiert zu sein, aber neben ein paar neuen Geschäftsmodellen sind vor allem etablierte Vertriebsprozesse online gegangen. Ein Oligopol aus nur drei großen Global Distribution Systemen (Amadeus, Sabre, Travelport) bestimmt die Verfügbarkeiten, Preise und besitzt den Content. Der Backbone der Reisebranche beruht auf diesen GDS sowie den Vorschriften der IATA. Das reine Ersetzen von Reisebüros durch Webseiten vertriebsseitig ist zwar eine Innovation und Fortschritt, aber es kann nur der erste Schritt auf dem Weg der Digitalisierung sein.

Fazit:

Oft scheitern Digitalisierungsprojekte in etablierten Strukturen am nicht ausreichend radikalem, den technischen Möglichkeiten entsprechendem Ansatz und dem festhalten an etablierten Werten und Ideen. Der Videobeweis im Fußball ist ein perfektes Beispiel für einen misslungenen Balanceakt zwischen der Nutzung neuer Technologie und dem festhalten an Vorhandenem.
Als Lenker und Entscheider in großen Organisationen ist die Nutzung von Business Modelling Tools, Methoden wie Design Thinking sowie eine radikale Denkweise über die Neugestaltung von Geschäftsfeldern zwingend notwendig. Schlecht umgesetzte Digitalisierung Lösungen erzeugen Widerstände, auch in der eigenen Belegschaft,  und bieten Angriffsfläche für wendige Wettbewerber.
Essentiell ist eine Kenntnis der technologischen Entwicklung, deren Chancen und Risiken auch über das eigene Geschäft hinaus.
Sehr spannend ist auch die Betrachtung von Fokusgruppen gerade junger Menschen aus den Generationen Y und Z. Diese sind die ersten Generationen an Menschen die mit digitalen Systemen aufgewachsen sind, und selbst der technikaffine 30jährige Autor dieser Zeilen staunt über die Medien- & Gerätenutzung der heutigen Teenager Generation.
Ich glaube das der große Erfolg der US Digitalwirtschaft vor allem mit der Radikalität und dem “think big” Ansatz zusammenhängt.
In der sich rapide verändernden Welt ist kein Platz für 50% oder 70% Lösungen. Die Digitalisierung ist binär, in der Folge muss auch das Denken und die Lösungen radikal 0 oder 1 sein. Die Digitalisierung duldet keine Zwischenlösungen, man denke an Kodak und den Versuch digitale Bilder auszudrucken. Der digitale Unternehmer muss also in der technisch Maximalen Lösung denken und ein komplettes digitales System erstellen, um erfolgreich zu sein.


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